Erwartungen von Fach- und Führungskräften

Erwartungen von Fach- und Führungskräften: die aktuelle Studie von Stepstone „Jobs nach Maß – was Fachkräfte wollen“ bringt so manch spannende Erkenntnis… Ich hatte Gelegenheit, mit Dr. Sebastian Dettmers, Managing Director von Stepstone dazu zu sprechen. Auf geht’s:

saatkorn.: Herr Dettmers, ganz aktuell veröffentlicht Stepstone die Studie „Jobs nach Maß – was Fachkräfte wollen“. Wer wurde wann wozu genau befragt?
Ziel der Studie war es, das Selbstverständnis von Fach- und Führungskräften in Deutschland zu untersuchen. Wir haben dafür im Frühjahr rund 14.000 Fachkräfte online befragt. Knapp zwei Drittel (62 Prozent) der Umfrageteilnehmer waren Fachkräfte und Spezialisten, 38 Prozent zählten zur Führungsebene. Frauen sind mit 42 Prozent etwas geringer vertreten als Männer. Der Großteil der Befragten kommt aus den Berufsfeldern IT, Ingenieurwesen, Vertrieb, Marketing, Finanzen sowie Logistik.

Erwartungen von Fach- und Führungskräften entsprechen ihrem Marktwert

saatkorn.: Was sind nun die Erwartungen von Fach- und Führungskräften? Wie selbstbewusst agieren die befragten Fach- und Führungskräfte im Jahr 2016 in Deutschland? – Ist das Thema Fachkräftemangel auf Basis der Studie „Jobs nach Maß“ angekommen?
Ja, definitiv. Unsere Ergebnisse zeigen, dass Fachkräfte sich ihrer starken Position auf dem Arbeitsmarkt heutzutage sehr bewusst sind. Für mehr als zwei Drittel der Befragten ist Arbeitslosigkeit überhaupt kein Thema. Ein Drittel sagt, die Lage auf dem Arbeitsmarkt habe sich im Vergleich zu den vergangenen Jahren weiter verbessert. Rund 70 Prozent sind sogar überzeugt, im konkreten Falle eines Jobwechsels in spätestens sechs Monaten eine passende neue Stelle zu finden. Kurzum: Die Mehrheit der Fach- und Führungskräfte in Deutschland kennt ihren Marktwert.

Fach- und Führungskräfte schätzen Ihre Chancen am Arbeitsmarkt positiv ein.
Fach- und Führungskräfte schätzen Ihre Chancen am Arbeitsmarkt positiv ein.

Das Image des künftigen Arbeitgebers ist entscheidend

saatkorn.: Damit einhergehend: wie hoch ist auf Basis der „Jobs nach Maß“ Studie die Kompromissbereitschaft von Fach- und Führungskräften? Welche Themen sind eher für Kompromisse geeignet, welche eher nicht?
Die Mehrheit der befragten Fachkräfte (60 Prozent) will bei einem Jobwechsel absolut sicher sein, dass der neue Job ihren Erwartungen entspricht – und sie sind in einer Situation, in der sie sich diese Haltung erlauben können. Am wenigsten kompromissbereit zeigen sich Fachkräfte, wenn es um das Image des Unternehmens geht: Fast 80 Prozent würden eine fachlich passende Stelle ablehnen, wenn sie sich nicht mit dem Unternehmen identifizieren können. Abstriche machen sie am ehesten bei Zusatzleistungen, Arbeitszeiten und – wenn das Gesamtpaket stimmt – auch beim Gehalt.

saatkorn.: Welche Rolle spielt in diesem Kontext das vermeintlich allgegenwärtige Thema „Work Life Balance“?
Beruf und Karriere sind Fachkräften wichtig, müssen aber zu den anderen Lebensbereichen passen. Gesundheit, Partnerschaft und Familie sowie die persönliche Entwicklung haben einen gleichen oder höheren Stellenwert als die Karriere. Der Job muss zum Leben passen und ihn bereichern – deshalb sprechen wir in der Studie auch von „Job-Life-Fit“.

Fach- und Führungskräfte erwarten eine top Candidate Experience

saatkorn.: Im Bewerbungsprozess reden alle schön neudeutsch von der „Candidate Experience“. Wie wird das Thema aus Sicht der Fach- und Führungskräfte wahrgenommen?

Dr. Sebastian Dettmers von Stepstone.
Dr. Sebastian Dettmers von Stepstone.

Fach- und Führungskräfte wollen, dass der Bewerbungsprozess schnell, einfach und transparent abläuft. Das kennen sie ja auch schon aus anderen Bereichen ihres Lebens. Wer zum Beispiel online einkauft, ist daran gewöhnt, seine Ware am nächsten Tag in den Händen zu halten. Dieses Service-Level verinnerlichen Fachkräfte immer stärker. Um auch hier ein paar Zahlen zu nennen: Mehr als ein Drittel der Befragten bricht den Bewerbungsprozess ab, wenn er zu kompliziert wird. Ein Viertel verweigert eine Bewerbung über ein Online-Formular. 84 Prozent würden eine Stelle ablehnen, wenn sich im Vorstellungsgespräch herausstellt, dass der Arbeitsplatz bzw. das Unternehmen in der Stellenanzeige nicht ehrlich beschrieben wurde. Wer qualifizierte Mitarbeiter sucht, kann also mit einfachen Bewerbungsstrukturen und authentischen Inhalten punkten. Die mobile Bewerbung per Smartphone hilft dabei, auch stark gefragte Fachkräfte anzusprechen.

saatkorn.: Welche Handlungsmaßnahmen empfehlen Sie auf Basis der Studie „Jobs nach Maß“ den Unternehmen, wie können Personalverantwortliche die Erwartungen von Fach- und Führungskräften besser treffen?
Die Studie bietet eine ganze Reihe von konkreten Handlungsempfehlungen. Ein Beispiel: Aus den oben genannten Gründen sollten Unternehmen ihre Bewerbungsprozesse – zumindest für schwierig zu besetzende Positionen – dringend vereinfachen. Ein weiteres Beispiel ist die Bedeutung des persönlichen Kontakts für den Bewerbungsprozess. Drei von vier Kandidaten würden ein Angebot nach dem Vorstellungsgespräch ausschlagen, wenn sie keine persönliche Ebene mit den Gesprächspartnern finden. Fast die Hälfte aller Fachkräfte möchte im Vorstellungsgespräch zudem künftige Kollegen kennenlernen. Das Job-Interview also wirklich für ein gegenseitiges Kennenlernen zu nutzen und die relevanten Kollegen auch persönlich in den Prozess einzubeziehen, kann den entscheidenden Ausschlag geben.

Identifikation mit Unternehmen ist K.O. Kriterium

saatkorn.: Gibt es Aspekte in den Ergebnissen, die Sie persönlich überrascht haben?
Ja, zum Beispiel, dass die Identifikation mit dem Unternehmen für so viele Fachkräfte bei der Arbeitgeberwahl tatsächlich ein K.O.-Kriterium ist. Oder dass so viele üblicherweise der so genannten Generation Y zugeschriebenen Attribute – selbstbewusst, flexibel, freizeitorientiert – heute im Grunde auf alle hoch qualifizierten Fachkräfte zutreffen. Das Selbstverständnis hängt demzufolge nicht vom Alter ab, sondern von Angebot und Nachfrage auf dem Fachkräftemarkt.

saatkorn.: Wohin geht die Reise im Themenfeld Employer Branding kurz-, mittel- und langfristig aus Ihrer Perspektive?
Idealerweise geht die Reise dahin, dass Unternehmen sich nicht mehr nur fragen: „Was will ich darstellen?“ sondern vielmehr: „Wer bin ich? Was ist unsere DNA?“. Dazu gehört auch, sich die Frage zu stellen: „Wer bin ich nicht?“. Unternehmen betreiben großen Aufwand, um die Einmaligkeit ihrer Produkte und Dienstleistungen aufzuzeigen und zu vermarkten. Bei der eigenen Identität als Arbeitgeber sind sie aber oft viel zurückhaltender und betonen Allgemeinplätze wie Internationalität oder Teamwork. Wer qualifizierte und motivierte Fachkräfte wirklich überzeugen will, sollte seine Identität als Arbeitgeber kennen und bereit sein, auch etwas mehr vom eigenen Unternehmen preiszugeben. Unternehmen müssen nicht allen potenziellen Mitarbeitern gefallen, sondern den Richtigen.

saatkorn.: Herr Dettmers, herzlichen Dank für das Interview rund um die Erwartungen von Fach- und Führungskräften.

Kostenloser Download der vollständigen StepStone Trendstudie 2016: „Jobs nach Maß – was Fachkräfte wollen

Gero Hesse

Gero Hesse

Ich bin Gero Hesse, Macher, Berater und Blogger in den Themenfeldern Employer Branding, Personalmarketing, Recruiting, Social Media und New Work. Mehr Infos über Gero Hesse.

Ein Gedanke zu „Erwartungen von Fach- und Führungskräften

  • 24. April 2016 um 10:37
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    Die Botschaft an die Unternehmer im schwierigen Arbeitsmarkt ist doch ganz einfach: Sei ehrlich, versetze dich in die Lage des Bewerbers, halte deine Versprechen und für die digialen Freaks: Genauigkeit geht vor Schnelligkeit, der Glaube, dass mehr Daten über den Bewerber bringen, weil in der Zeit des Internets verfügbar ist scheint ein Irrtum zu sein: Weniger ist mehr sowie Technik/IT ersetzt nicht Geist, sondern ist immer nur Hilfsmittel z.B. zur Strukturierung von Daten oder Prioritäten zu setzen.

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