Azubi-Recruiting-Trends 2022 – Felicia Ullrich im Interview

Azubi-Recruiting-Trends 2022 – Felicia Ullrich im Interview

SAATKORN: Felicia, bitte stelle Dich den SAATKORN Leser:innen doch kurz vor.

Mein Name ist Felicia Ullrich, ich bin geschäftsführende Gesellschafterin der u-form Testsysteme. U-Form ist den meisten Unternehmen daher ein Begriff, weil wir seit über 75 Jahren für die IHK-Organisation arbeiten und die Vorlagen für die kaufmännischen Prüfungen aus unserem Haus kommen. Mit den u-form Testsystemen bieten wir digitale Lösungen rund um die Ausbildung, vom Bewerbermanagementsystem über Online-Assessments bis hin zu einem umfassenden Ausbildungsmanagement. Außerdem verlegen wir seit zehn Jahren Deutschlands größte doppelperspektivische Studie für die duale Ausbildung.

> 5.000 befragte Schüler:innen und Azubis

SAATKORN: Gutes Stichwort: Wie jedes Jahr gibt’s auch 2022 die Azubi-Recruiting-Trends von Euch. Was war das Setting der Studie, wen habt Ihr befragt?

Unter der inspirierenden wissenschaftlichen Leitung von Professor Beck und unserem Studienpartner AUBI-plus haben wir 5.175 junge Schüler*innen sowie Azubis und 1.585 Ausbilder*innen befragt. In diesem Jahr lag der Schwerpunkt bei Themen wie „Zukunft der Ausbildung“, „Berufsorientierung“, „Gendern“, „Nachhaltigkeit“ und Klassikern wie Stellenanzeigen und Karriereseiten. Außerdem haben wir nach zehn Jahren Studie einmal Blick zurückgeworfen und geschaut, ob und was sich in den letzten Jahren verändert hat. So hatten wir 2013 Google als Recruiting-Tool noch gar nicht auf dem Schirm und die steigende Beliebtheit von digitalen Beerbungssystemen führt dazu, dass Jugendliche beim Bewerben weniger Unterstützung der Eltern in Anspruch nehmen als noch vor zehn Jahren. Ach, dass wollten wir auch wissen, wer sich den mehr einbringt bei der Suche nach dem richtigen Ausbildungsplatz: Mama, Papa oder beide. Die gute Nachricht ist „beide“ war mit 43 % die am häufigsten gewählte Antwort. Aber in Summe liegen die Mamas dann mit 85 % zu 58 % vor den Papas, denn sie sind deutlich häufiger ohne den jeweiligen Partner in der Unterstützung des Nachwuchses unterwegs als die Männer.

Azubi-Recruiting-Trends 2022 Infografik:

Azubi-Recruiting-Trends 2022 Studie_ART_Infografik_2022 SAATKORN
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Angekommen im Arbeitnehmermarkt

SAATKORN: Inwieweit spiegelt sich der auf dem Arbeitsmarkt beobachtbare Paradigmenwechsel, weg vom Arbeitgebermarkt, hin zum Arbeitnehmermarkt in Eurer aktuellen Studie?

Das haben wir seit Jahren immer im Auge. Denn der Kandidatenmarkt ist im Azubimarketing ja schon länger Realität. Die Auszubildenden suchen sich in der Regel den Betrieb aus, nicht umgekehrt: Laut unserer aktuellen Befragung erhält auch aktuell die Mehrheit der Azubi-Bewerber*innen zwei oder mehr Angebote. Auch 2022 bleibt das Azubi-Recruiting also ein Arbeitnehmermarkt. Dafür sprechen zudem die Angaben der Betriebe: Fast vier von fünf Ausbildungsbetrieben gehen aktuell davon aus, mehr und mehr Schwierigkeiten bei der Besetzung ihrer Azubi-Stellen zu bekommen. Über zwei Drittel sehen dadurch die Fachkräftesicherung im Betrieb gefährdet.

Google absolut relevant für die Zielgruppe

 SAATKORN: Und wie werden Azubis überhaupt auf Ausbildungsbetriebe aufmerksam, welche Kanäle sind aus Sicht der Zielgruppe am relevantesten?

Dazu drei Beispiele:

  • An allererster Stelle steht Google mit 83%. Unter den Ausbildungsverantwortlichen nutzen allerdings nur 22 % aktiv diesen Kanal. Hier klafft aus unserer Sicht die größte Lücke zwischen den Mediengewohnheiten der Zielgruppe und den Aktivitäten der Ausbildungsbetriebe.
  • Auch die Azubi-Karriereseiten gehören mit 77 % zu den von den Azubi-Bewerber*innen am stärksten genutzten Kanälen. Bei den Ausbildungsbetrieben sind es nur 59 %. Gerade die kleineren Ausbildungsbetriebe sollten diese Lücke so schnell wie möglich schließen. Heute erwarten Azubis von einem guten Ausbildungsbetrieb einfach einen aussagekräftigen Internetauftritt.
  • Das Medium mit dem größten Wachstum bei der Nutzung durch Azubi-Bewerber*innen sind Arbeitgeberbewertungsplattformen. kununu & Co. wurden laut Azubi-Recruiting Trends 2013 nur von 12 % der Azubi-Bewerber*innen genutzt, 2019 schon von 30 %, aktuell sind es 46 %. Nur 19 % der Ausbildungsbetriebe aber bespielen aktuell aktiv diesen Kanal. Fazit: Die Situation im Azubi-Recruiting wird immer schwieriger, Ausbildungsunternehmen können es sich da nicht mehr leisten, im Hinblick auf Mediengewohnheiten an der Zielgruppe vorbeizukommunizieren.

Vergütung auf Platz 3 der wichtigsten Kriterien

SAATKORN: Wie wichtig sind für Azubis Themen wie Nachhaltigkeit und Diversität, welche Rolle spielt das Azubi-Gehalt?

In den vergangenen Jahren landete die Ausbildungsvergütung eigentlich immer auf Platz 4, wenn es um Attraktivitätsfaktoren der Ausbildung ging. Dieses Jahr hat sie einen Platz gut gemacht. Noch deutlicher wird die zunehmende Bedeutung bei unseren Top oder Flop-Fragen, in denen sich die Bewerber*innen und Azubis zwischen zwei Faktoren entscheiden mussten. Diese Fragetechnik zeigt, wo die wahren Prioritäten im Vergleich mit anderen Faktoren liegen. Da gewinnt die „höhere Ausbildungsvergütung“ mit 57 % gegen „mehr Freizeit“ mit 43 %. Ein Trend, der sich auch nach der Ausbildung fortsetzt. Da ist sogar 61 % das Gehalt wichtiger als mehr Freizeit (39 %). Auch das Ergebnis „Jobmöglichkeiten“ gegen „Jobsicherheit“ zeigt in meinen Augen ein wachsendes Selbstbewusstsein dieser Generation. Galten die Jugendlichen noch in der Shell-Studie 2019 als die sicherheitsorientierten Sinnsuchenden, liegen die „Jobmöglichkeiten“ in dieser Studie mit 57 % vor der „Jobsicherheit“.

Nachhaltigkeit als Thema ausbaufähig

2019 haben uns die Ergebnisse zum Thema Nachhaltigkeit eher etwas überrascht. Den Ausbilder*innen war das Thema wichtiger als den Azubis und bei der Wahl des Ausbildungsbetriebs waren nur für 13 % Nachhaltigkeit ein wichtiges Thema. Nach der Umweltkatastrophe im letzten Sommer haben wir das Thema in der diesjährigen Studie noch mal aufgegriffen. „Nachhaltigkeit“ ist für 99 % der befragten Azubis ein vertrauter Begriff und 87 % verstehen darunter Klima- und Umweltschutz. Nur 4 % möchten zu diesem Thema nichts in der Ausbildung lernen. Wobei hier schon ein Trend erkennbar ist, der in meinen Augen ein grundsätzliches „Problem“ bei der Nachhaltigkeit darstellt. Denn besonders hohe Zustimmungswerte bekommen die Maßnahmen zur Nachhaltigkeit wie „Papiersparen“, die mit wenig Aufwand umzusetzen sind. Für das Projekt „Energie Scouts“ oder ein „Engagement neben der Ausbildung“ konnte sich nur knapp ein Fünftel der befragten Jugendlichen erwärmen und nur 12 % der Unternehmen bieten die Unterstützung der Energie-Scouts an. Wenn es an die eigene Bequemlichkeit geht, dann ist der ein oder andere doch nicht mehr für Nachhaltigkeit zu begeistern. Unsere Azubis haben bei U-Form mit Ihrem Projekt gerade gewonnen und es ist großartig, was die alles bewegt haben. Ich kann da aus eigener Erfahrung nur sagen, dass das Angebote sind, von denen beide Seiten profitieren. Übrigens nur 46 % der Unternehmen werben mit dem Thema Nachhaltigkeit im Ausbildungsmarketing.

Gendern ist wichtig

Dem Thema „Gendern“ haben wir auch einen eigenen Bereich in der Studie gewidmet. Der klassische Stellentitel in Ausbildungsanzeigen mit dem „(m/w/d)“-Zusatz bekommt hier mit 67 % die höchste Zustimmung, gefolgt vom Doppelpunkt 11 %). Weit abgeschlagen ist das Gendersternchen mit 2 %. Aber 45 % der weiblichen Befragten gaben an, dass es ihnen wichtig ist, dass alle Geschlechter in Stellenanzeigen angesprochen werden. Wenig überraschend lag der Anteil bei den männlichen Befragten mit 28 % deutlich niedriger.

Corona wirkt sich auf die wahrgenommene Ausbildungsqualität aus

SAATKORN: Inwiefern spiegelt sich die andauernde Corona-Krise in den Ergebnissen?

Ehrlich gesagt waren wir bei der Konzeption der Studie ein wenig coronamüde und hatten auch ein wenig naiv gehofft, dass das Thema zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Ergebnisse im Sommer 2022 keine so große Rolle mehr spielt. Daher gab es nur eine erkennbare Corona Frage an die Ausbilder*innen, ob sie glauben, dass in Corona allgemein schlechter ausgebildet wurde. 76 Prozent der Befragten bejahten dies.

2021 erhielten 71 % der Azubi-Bewerber*innen mehrere Ausbildungs-Angebote, dieses Jahr 51 %. Ob und in wie das mit Corona zusammenhängt, können wir uns nicht erklären, aber einiges spricht dafür. Ich denke nicht, dass das bedeutet, dass sich die Situation für Ausbildungsbetriebe wieder entspannt – alle anderen Zahlen sprechen wie gesehen dagegen.

Zielgruppenakzeptanz ist wichtigste Botschaft der Azubi-Recruiting-Trends 2022

SAATKORN: Welche Handlungsempfehlungen leiten sich aus den Azubi-Recruiting-Trends 2022 für Arbeitgeber ab?

Allen voran die Akzeptanz dieser jungen Zielgruppe. Nach der Entwicklung von Fach- und Sozialkompetenzen gefragt, haben Dreiviertel der befragten Ausbilder*innen geantwortet, dass sie erwarten, dass diese rückläufig sind. Aber Kompetenzen verschwinden ja nicht – sie verändern sich nur. Und das ist gut so. Ein Mensch aus dem 19 Jahrhundert wäre selbst mit perfekten Kompetenzen seiner Zeit heute überfordert. Statt über diese Generation zu klagen und zu jammern, sollten wir schauen, wie wir uns deren besondere Kompetenzen im positiven Sinne zunutze machen.

Und da diese Generation wählen kann, ist es wichtig genau hinzuschauen, was sie will und was sie von uns erwartet. Es gibt so viele spannende Erkenntnisse aus unserer Studie. Die junge Zielgruppe sucht digital, wünscht sich aber persönliche Touch-Points zum Beispiel auf Bewerbermessen. Sie wollen arbeiten und lernen aber unter neuen veränderten Bedingungen. Offenheit, Toleranz und miteinander in den Austausch zu gehen sind hier unerlässlich.

Ausbildungsunternehmen sollten zudem ihre Auswahlprozesse an die veränderten Rahmenbedingungen anpassen und den ersten Schritt nicht an Noten orientieren. Vielmehr müssen sie sich darauf konzentrieren, welche Eigenschaften für den Beruf wirklich wichtig sind. Dafür bieten sich Tests an. In der Auswahl nach Noten fallen Kandidaten*innen durchs Raster, die eigentlich hervorragend zu Beruf und Betrieb passen würden. Auf dem immer enger werdenden Markt können sich das Unternehmen nicht leisten.

Kostenloser Studien-Download

Das Management Summary zur Studie Azubi-Recruiting Trends 2022 steht zum kostenlosen Download auf der Seite von u-form Testsysteme bereit.

SAATKORN: Liebe Felicia, vielen Dank für diese Infos zu den Azubi-Recruiting-Trends 2022!

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Gero Hesse

Ich bin Gero Hesse, Macher, Berater und Blogger in den Themenfeldern Employer Branding, Personalmarketing, Recruiting, Social Media und New Work. Mehr Infos über Gero Hesse.

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