Zukunftsforscher Janszky: Illusorischer Fortschrittsbericht der Bundesregierung

Zukunftsforscher Janszky nimmt kritisch zum Fortschrittsbericht der Bundesregierung Stellung.

Am 11. Februar erschien vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales die aktuelle Auflage des „Forschrittsbericht zum Fachkräftekonzept“ 2014 der Bundesregierung.

Zentrale und aus meiner Sicht interessante Aussage: „Derzeit liegt in Deutschland kein akuter flächendeckender Fachkräftemangel vor. Allerdings treten bereits heute in einzelnen Qualifikationen, Regionen und Branchen Arbeitskräfteengpässe auf.“.

Das klingt zunächst wenig besorgniserregend und möglicherweise etwas schöngefärbt, denn die betriebliche Realität sieht oft etwas anders aus. Aufgrund seines meiner Meinung nach lesenswerten Buches „Das Recruiting Dilemma“ habe ich mal bei Zukunftsforscher Sven Gabór Janszky nach seiner Meinung zu zentralen Aussagen des Fortschrittsberichts der Bundesregierung nachgefragt. Auf geht’s (ach ja, das Buch ist zu gewinnen – wie steht am Ende des Artikels): 

saatkorn.: Herr Janszky, kürzlich haben Sie sich kritisch zum aktuellen, am 11. Februar veröffentlichten Fachkräfte-Fortschrittsbericht der Bundesregierung geäußert. Woran macht sich Ihre Kritik fest?
Die Bundesregierung präsentiert uns Lösung für die demografischen Probleme der kommenden Jahre, die leider keine sind. Es ist illusorisch anzunehmen, dass mit den im Fachkräfte-Fortschrittsbericht genannten Maßnahmen die gravierenden Zukunftsprobleme der deutschen Wirtschaft ernsthaft gelöst werden können. Dabei gibt es einen Lösungsweg, den auch die Politik kennt. Allerdings ist der unbequem. Denn er lautet: Wir alle werden länger arbeiten. Müssen und Wollen! Alle Parteien wissen das, aber niemand sagt es ehrlich. Aktuell verstecken sich alle hinter den Konzepten der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts. Wenn die heutige Politikergeneration sich für die Senkung des Rentenalters auf 63 Jahre feiert, dann feiert sie sich selbst als Musterschüler. Denn sie hat die Konzepte ihrer Mentorengeneration umgesetzt. Leider hat sie dabei vergessen, dass die Welt sich in den vergangenen 30 Jahren radikal geändert hat.

Fortschrittsbericht

saatkorn.: Liest man sich den Bericht durch, scheint die Fachkräftesituation in Deutschland nicht allzu kritisch zu sein: „Derzeit liegt in Deutschland kein akuter flächendeckender Fachkräftemangel vor. Allerdings treten bereits heute in einzelnen Qualifikationen, Regionen und Branchen Arbeitskräfteengpässe auf. Die Zahl der Engpassberufe lag im Dezember 2014 bei 19 betroffenen Berufsgruppen, insbesondere Gesundheits- und Pflegeberufe sowie technische Berufe. Dazu zählen Berufe, die eine Berufsausbildung (z.B. Energietechniker oder Altenpfleger) oder eine Hochschulausbildung (z.B. Maschinenbauer oder Humanmediziner) erfordern.“ – Was sagen Sie dazu? Schönfärberei oder Realität?
Irreführung! Natürlich stimmt das für die heutige Situation. Aber wer dies ohne einen Zusatz sagt, der lügt. Der Zusatz heißt: In den kommenden zehn Jahren geht die Babyboomer-Generation komplett in Rente und kann im Arbeitsmarkt durch die geburtenschwachen Jahrgänge nicht ersetzt werden. Wer nur allein die Zahlen gegeneinander aufrechnet, der wird erkennen, dass wir in zehn Jahren etwa 6,5 Millionen Menschen im Arbeitsmarkt verlieren. Wenn hier noch alle anderen Einflüsse hinzurechnen und abziehen, dann zeigen alle seriösen Studien unterm Strich ein Minus: Die optimistischen Studien sprechen von minus 2 Millionen fehlenden Arbeitskräften im Deutschland des Jahres 2025. Die pessimistischen Studien sagen minus 5,2 Millionen voraus.

saatkorn.: In Ihrem Buch „Das Recruiting-Dilemma“ gehen Sie u.a. auf die zukünftig immer mehr steigende Bedeutung von Erwerbstätigen im hohen Alter ein. Eine zentrale Aussage im Fortschrittsbericht der Bundesregierung lautet aber: „Immer mehr Menschen sind erwerbstätig. Die Erwerbstätigenquote stieg im Jahr 2013 auf 77,3 Prozent. Damit wurde das zentrale EU-2020 Ziel einer Erwerbstätigenquote von 77 Prozent erstmals erreicht.“…“Der stärkste Anstieg der Erwerbsbeteiligung erfolgt bei den Älteren. Ihre Erwerbstätigenquote stieg 2013 auf 63,6 Prozent und liegt deutlich über dem Zielwert von 60 Prozent.“. – Sind wir damit alle Sorgen los?
Nein leider nicht. Aber die Zahlen zeigen sehr deutlich: Die älteren Menschen wollen arbeiten. Es ist nicht so, dass sie allein aus Geldmangel im Alter gezwungen sind, wie uns manche Interessenvertreter weis machen wollen. Die Wahrheit ist: Wir Menschen erkennen langsam aber sicher, was es heißt, dass unsere Lebenserwartung bis 2025 auf etwa 90 Jahre steigen wird. Wir finden 30 Jahre Urlaub am Lebensende nicht erstrebenswert. Im Gegenteil. Eine Rente mit 63 ist furchtbar langweilig, weil sie den älteren Menschen die Chance nimmt, im dritten Drittel des Lebens jene Anerkennung und Zugehörigkeit zu erhalten, die viele von uns nun mal aus der Arbeit ziehen. Dass schon heute die Erwerbsbeteiligung bei den Älteren steigt, ist also ein gutes Zeichen. Aber wenn die Politik diese Entwicklung nicht aktiv unterstützt und unsere Gesetze entsprechend modernisiert, werden wir jene Zahlen niemals erreichen, die nötig sind um die aufziehenden Probleme im Arbeitsmarkt zu lösen.

saatkorn.: Darüber hinaus konstatiert der Fortschrittsbericht, dass die Zuwanderung ein großer Lösungsbaustein für den Fachkräftemangel darstellt. Im Bericht heisst es: „Immer mehr und immer besser qualifizierte Fachkräfte kommen nach Deutschland. Der Wanderungssaldo hat 2013 mit 429.000 Personen den höchsten Wert seit 1993 erreicht; die Qualifikation der Zugewanderten steigt kontinuierlich an.“. Auch hier Entwarnung oder reicht das zur Lösung des Problems Fachkräftemangel nicht aus?
Aus der Sicht eines Trendforschers ist dies Augenwischerei. Wir dürfen nicht vergessen, dass sich die Qualifikationsanforderungen im deutschen Arbeitsmarkt auch verändern. Konstant verlieren wir weiterhin niedrigqualifizierte Jobs an Asien. Was bei uns bleibt und wächst sind hochqualifizierte Jobs. Vor diesem Hintergrund ist der Zuwanderungssaldo natürlich gewachsen. Aber die Zahl der wirklich qualifizierten Zuwanderer für einen sich weiterentwickelnden Arbeitsmarkt ist nicht signifikant gewachsen. Die Wahrheit ist leider, dass wir in der Masse eine Zuwanderung in die Sozialsysteme erleben, auch wenn das die Politik nicht gern hört. In meinem Buch „Das Recruiting Dilemma“ von 2014 gehen wir Zukunftsforscher von einem Szenarienkorridor aus, der zwischen 400.000 und 900.000 qualifizierten Einwanderern in den zehn Jahren bis 2025 liegt. Falls der Zuwanderungssaldo in den kommenden Jahren weiterhin zunimmt (das ist keinesfalls sicher) könnten wir bis 2025 vielleicht an das obere Ende des genannten Korridors kommen, oder im allerbesten Fall ganz leicht darüber hinaus. Aber das Problem der 2-5 Millionen fehlenden Arbeitnehmer lösen wir damit niemals. Völlig illusorisch!

saatkorn.: Herr Janszky – vielen Dank für das Interview!

Den aktuellen Fortschrittsbericht der Bundesregierung kann man sich HIER downloaden. 

Und das Buch von Herrn Janszky, „Das Recruiting Dilemma“, verlose ich HIER auf meiner facebook Seite. Viel Glück!

Gero Hesse

Gero Hesse

Ich bin Gero Hesse, Macher, Berater und Blogger in den Themenfeldern Employer Branding, Personalmarketing, Recruiting, Social Media und New Work. Mehr Infos über Gero Hesse.

Ein Gedanke zu „Zukunftsforscher Janszky: Illusorischer Fortschrittsbericht der Bundesregierung

  • 27. Februar 2015 um 18:43
    Permalink

    Das Thema wird auch in einem interessanten TED-Talk beleuchtet. Rainer Strack von BCG erläutert die Situation bis 2030 anhand von Studien.

    Sein Fazit (neben den obigen Punkten):

    – Personalplanung wird wichtiger als Finanzplanung
    – Unternehmen müssen Mitarbeiter selbst qualifizieren
    – Mitarbeiter gewinnen und halten werden nur noch die Unternehmen, die es schaffen, Mitarbeiter auf breiter Basis echte Wertschätzung entgegenzubringen (und dabei steht Gehalt nur an 8. Stelle der Mitarbeiterwünsche).

    Mich selbst hat der Talk zu einer Sketchnote und einem zusammenfassenden Blog inspiriert:
    http://www.gezeitenraum.com/2015/02/fachkraeftemangel-krise-oder-chance/

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