Rituals for Change – Interview mit Nina B. Fischer

Als kürzlich die XING NEW WORK AWARDS verliehen wurden, hatte ich das Vergnügen, dem RITUALS FOR CHANGE Team den Sonderpreis überreichen zu dürfen (Foto oben: das Rituals for Change Team). Rituals als Ansatzpunkt für organisatorischen Wandel? – Spannend! Und Grund genug, einmal einer der InitiatorInnen von RITUALS FOR CHANGE, Nina B. Fischer, genauer auf den Zahn zu fühlen. Auf geht’s:

saatkorn.: Nina, bitte stelle Dich den saatkorn. LeserInnen doch kurz vor. – saatkorn.: Wer steckt eigentlich genau hinter „Rituals for Change“?Ich kann gar nicht von mir allein sprechen. Wir sind ein Kollektiv – aber ich stelle UNS sehr gerne vor. Wir sind fünf Menschen mit unterschiedlichsten Kompetenzen und Erfahrungen. Matthias Wesselmann und Leif Lewinski von fischerAppelt und Frederik G. Pferdt von Google und der Stanford University sind die Innovatoren, die die Perspektive aus dem Unternehmen heraus haben.

Frederik Frede sieht die Welt als Unternehmer angefangen mit der Digitalagentur More Sleep und Freunde von Freunden, die weltweit inspirierende Menschen portraitiert. Und ich, Nina B. Fischer, die die Welt aus der Expertise als Systemischer Management Coach, Führungskräfte-Trainerin und agiler Methoden Coach sieht.

Alle Blickwinkel zusammen ergeben erstmal das Interesse für unterschiedlichste Themen und Herausforderungen, die Unternehmen heute beschäftigen und zukünftig beschäftigen werden.

saatkorn.: Herzlichen Glückwunsch, mit der Initiative „Rituals for Change“ seid Ihr gerade mit dem New Work Award 2019 ausgezeichnet worden. Welche Idee steckt hinter „Rituals for Change“?
Vielen Dank! Der Preis war für jeden von uns eine echte Überraschung.

Bild: saatkorn., Nina B. Fischer (Rituals for Change), Leif Lewinski (Rituals for Change), Marc-Sven Kopka (XING)

Digitalisierung wird am Markt meist nur auf der technologischen und der prozessualen Ebene diskutiert, weil wirtschaftliche Erfolge in diesen Parametern evaluiert werden. Wir sind aber der Meinung, dass die Veränderung des Mindsets – meint Ethos und Purpose – viel fundamentaler ist und deshalb auch an erster Stelle diskutiert werden sollte, wenn über digitale Transformation gesprochen wird. Der kulturelle, menschliche Teil der Transformation sollte in den Vordergrund gestellt werden.

Entsprechend möchten wir diese Denkweise nach Deutschland bringen – als Workshopformat “Rituals for Change” und Community für Menschen, die in ihrer Organisation proaktiv Wandel treiben. Gemeinsam wollen wir mit Ihnen und den Unternehmen individuelle Rituale entwickeln, die die Veränderung für die Mitarbeiter und Führungskräfte sinnhaft und nachhaltig steuern können. Für die nachhaltige Verankerung im Unternehmen wollen wir mit den Teilnehmern eine Community aufbauen. Im Nachgang bieten wir zudem individuelles Coaching zur besseren Implementierung im Unternehmen an, damit es nicht bei den 2 Tagen Workshop bleiben muss. Wir denken hier größer. „Rituals for Change“ zeigt auch eine Balance auf, die wir gestalten wollen zwischen den Polen: Rituale und Change. Rituale können dabei Tool oder auch Strategie sein, Veränderung besser meistern zu können.

saatkorn.: Warum Rituale in Unternehmen bringen…?
Menschen sind in Routinen gefangen und finden in diesen Sicherheit – gerade in einer Welt, die sich kontinuierlich verändert. Diese Routinen zu verlassen, sich wandeln schmerzt. Jeden einzelnen, aber das Kollektiv einer Organisation noch viel mehr. Rituale können hier unterstützen. So haben Psychologen in empirischen Studien entdeckt, dass Rituale so eine Kraft haben, weil sie psychologische, physiologische und emotionale Dingen verbinden und damit ‚regulieren‘ können. Sie fanden heraus, dass die physischen Auswirkungen von Ritualen Menschen Zufriedenheit und Aufgehobenheit geben. Sie können Emotionen regulieren und beruhigen, die durch Veränderungen bei den Betroffenen erzeugt wurden.

Darüber hinaus ist die Kraft von Ritualen noch viel tiefer in uns Menschen verankert. Nach dem Anthropologen Arnold Gehlen ist der Mensch zwar intelligent, hat aber anders als das Tier keinen starken Instinkt, mit dem er die ungeheure Komplexität seiner Außenwelt verarbeiten kann. Für sein Überleben ist er auf soziale Werte und Normen angewiesen. Sie ersetzen den Instinkt und geben Orientierung, so dass es noch nie eine Gruppe von Menschen auf der Welt gab, die ohne Rituale lebensfähig gewesen wäre.

Über individuelle Rituale in den Unternehmen können genau diese Parameter, wie Werte, Sinn und Identität transportiert werden. Rituale haben die Kraft die Menschen in den Unternehmen stärker zu verbinden, Konflikte besser zu meistern und Transformation zu treiben. In dieser unglaublich schnelllebigen Zeit geht es viel um Performance und um Effizienz. Dr. Daniel Kahnemann schreibt in seinem Buch über schnelles (System 1) und langsames Denken (System 2). Das ganze Thema Agilität bedingt das schnelle Denken und damit System 1. Mit den Ritualen möchten wir für Entschleunigung sorgen und eher das System 2 bedingen. Das bedeutet Angebundenheit und Verortung zu erzeugen, Komplexität zu reduzieren und Struktur zu schaffen. All das können Rituale in Unternehmen leisten. Rituale sind aber deswegen nicht nicht agil. Jedes Unternehmen hat ja bereits Rituale und seinen kulturellen Code. Wir denken aber, dass es wichtig ist, sich diesem Code und den Ritualen bewusst zu werden und sie aber auch dementsprechend anzupassen und immer wieder zu iterieren. Dabei wollen wir unterstützen und helfen.

saatkorn.: Und wie wir das konkret für Unternehmen umgesetzt? Hast Du mal ein Beispiel für ein Ritual im Unternehmenskontext?
Rituale können auf verschiedenen Ebenen – individuelle Rituale, Teamrituale und auch Rituale auf der Organisationsebene – und für die unterschiedlichsten Zwecke eingesetzt werden:

  • Für die Community, um Menschen zu stärken und zu verbinden
  • Für Change und den Übergang in Unternehmen bspw. für Reorganisationen

und Wechsel auf der Führungsebene

  • Für das Teambuilding, um mit Konflikten und Spannungen besser umzugehen
  • Für Innovation, um Kreativität auf der Indiviualebene zu fördern
  • Für Teilhabe und Kommunikation, um MitarbeiterInnen ihren Einfluss auf die Zielerreichung zu zeigen
  • Für das Übersetzen von gemeinsamen Werten in konkretes Verhalten

Ganz konkret: Wir strukturieren Rituale immer in drei Teile. Was ist die Intention, was ist der Trigger und was ist der sog. “call to action”. Überlegen Sie sich einfach mal: Was sind Willkommensrituale für ihre neuen MitarbeiterInnnen? Was könnte ein Ritual sein, um Erfolge zu zelebrieren? Oder Misserfolge?

Und hier nochmal zwei Beispiele, um es greifbarer zu machen:

Ritualbeispiel 1:
Thank God it’s Monday beim Unternehmen Viessmann

Intention

  • Transparenz für Mitarbeiter ist das A und O bei Veränderungen. Je früher die Kollegen wissen, in welche Richtung sich die Organisation entwickelt, desto weniger Widerstände entwickeln sich gegen anstehende Veränderungen.

Trigger

  • Wochenstart und Townhall Meeting

Action

  • Jeden Montag bot das Senior Leadership Team ein komplett offenes Format, das jeder Mitarbeiter bei Viessmann besuchen konnte. Diese wöchentlichen Updates zur Planung und Umsetzung der Transformation hat eine Transparenz erzeugt, die den Mitarbeitern Angst vor Veränderungen genommen hat.

Ritualbeispiel 2:
Cupcake Backset bei Dropbox

Intention

  • Unternehmenswerte sind omnipräsent und spielen auf allen Ebenen

Trigger

  • Neueinstieg eines Mitarbeiters

Action

  • Wenn Dropbox einen neuen Mitarbeiter einstellt, erhält der Mitarbeiter schon vorab eine besondere Lieferung: ein Muffin-Backset. Dieses Ritual spiegelt den Spaßfaktor von Dropbox wider und hilft neuen Mitarbeitern, die Kultur zu verstehen – noch bevor sie in das Unternehmen eintreten.

saatkorn.: Wer sollte sich zu einem Rituals for Change Workshop anmelden?
Die Transformation im Unternehmen wird unserer Erfahrung nach von zwei Seiten getrieben. Zum einen sind es die Führungskräfte, die dies strategisch verankern und auch vorleben müssen und zum anderen die einzelnen Mitarbeiter, die diese Strategie dann umsetzen sollen. Wir spielen das Thema Rituale aber vornehmlich darüber, Haltung verändern zu können und das entsprechende Mindset dafür zu bilden. Deswegen ist der Workshop für alle, die Transformation in Unternehmen treiben.

saatkorn.: Wann und wo findet Euer nächster Workshop statt?
Wir sind dabei, die nächsten Termine zu planen. Unter contact@recode.today könnt Ihr die nächsten Termine erfahren. Wir planen für Herbst 2019 das nächste offene Event.

saatkorn.: Nina, herzlichen Dank für das Interview – und weiterhin viel Spaß und Erfolg mit Rituals for Change!

 

 

 

 

Gero Hesse

Gero Hesse

Ich bin Gero Hesse, Macher, Berater und Blogger in den Themenfeldern Employer Branding, Personalmarketing, Recruiting, Social Media und New Work. Mehr Infos über Gero Hesse.

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