Kommt die Great Resignation auch nach Deutschland?

Kommt die Great Resignation auch nach Deutschland?

Eine Frage, die sich gerade sehr viele People Entscheider:innen stellen: kommt die Great Resignation nach Deutschland? – Ich hatte Gelegenheit, vor dem Hintergrund einer aktuellen Studie zur Wechselwelle mit Dr. Tobias Zimmermann, Head of Insights & Creation bei StepStone zu sprechen. Auf geht’s:  

SAATKORN: Bitte stelle Dich den SAATKORN Leser:innen doch kurz vor.

Als Arbeitsmarktexperte und Evangelist bei StepStone ist es meine Aufgabe, auf Basis von Daten, Zahlen und Fakten aktuelle Trends und Entwicklungen auf dem Jobmarkt zu beobachten, zu analysieren und einzuordnen. So auch in unserer aktuellen Studie zur „Silent Resignation“.

Great Resignation kurz erklärt

SAATKORN: Was ist eigentlich die „Great Resignation“?

Die Great Resignation beschreibt ein Phänomen, das wir zuerst in den USA beobachten konnten: Die freiwilligen Kündigungen der Arbeitnehmenden sind auf einem Rekordhoch.  Immer mehr Menschen hinterfragen ihren Job. Es kommt zu einer riesigen Wechselwelle. Der Grund ist ganz einfach: Es gibt mehr offene Stellen als Jobsuchende. Die Menschen haben schlichtweg die Wahl. Wenn also ein anderes attraktives Angebot lockt, scheuen sie sich nicht, den Job zu wechseln. Genau das erleben wir in den USA aktuell.

Great Resignation auch in Deutschland?!

SAATKORN: Inwiefern besteht die Gefahr, dass die große Wechselwelle auch Deutschland erfasst?

Wir sehen in Deutschland aktuell noch keine Wechselwelle in dem Ausmaß wie in den USA, sondern eher eine Flut, die langsam aber sicher ansteigt. Das hat zwei zentrale Gründe: Erstens verstärkt sich der Trend zu flexibleren Karrierewegen seit Jahren. Kaum einer bleibt noch vom ersten Job bis zur Rente bei nur einem Arbeitgeber. Das ist ja nichts Neues. Zweitens ist Deutschland zunehmend stark von der Arbeiterlosigkeit betroffen – mehr noch als die USA. Das heißt: Es gibt weniger Menschen auf dem Arbeitsmarkt als Jobs.

Dieser Trend wird sich von jetzt an massiv verschärfen: Bis 2030 wird der Arbeitsmarkt um mehr als vier Millionen Menschen schrumpfen. Die Menschen können sich bald schlichtweg die Rosinen aus der Vielzahl an Jobangeboten herauspicken. Gerade aufgrund der Arbeiterlosigkeit ist eine steigende Wechselbereitschaft im Übrigen auch für die Unternehmen gar nicht so schlecht. Zum einen entstehen mehr Gelegenheiten, neue Mitarbeiter*innen zu gewinnen. Zum anderen entstehen durch Jobwechsel häufig bessere Matches und das führt zu erhöhter Produktivität.

72 % mehr Stellenanzeigen als im Vorjahr

SAATKORN: An welchen Kennzahlen könnt Ihr das bereits erkennen?

In Deutschland erreicht uns diese Entwicklung langsam und kraftvoll – wie eine anschwellende Flut, die uns erfasst. Besonders sehen wir das anhand der Stellenausschreibungen und Jobsuchen auf StepStone.de. Im Februar 2022 sehen wir 72 Prozent mehr Stellenanzeigen als im Vorjahr. Es gibt eine zunehmende Lücke zwischen Angebot und Nachfrage, die sich perspektivisch nicht schließen lassen wird. Das ist die Arbeiterlosigkeit. Wir sehen aber auch 44 Prozent mehr Jobsuchen. Die Schere zwischen Angebot und Nachfrage wird seit Anfang des Jahres erstmals wieder etwas kleiner. Hier sehen wir die Silent Resignation, von der wir sprechen.

40 % suchen aktiv, weitere 43 % sind offen für neue Jobs

SAATKORN: Gibt es bestimmte Branchen und / oder Berufsbilder, die Eurer Meinung nach besonders betroffen sein werden?

Wir haben uns diesen Trend einmal genauer in der „The Silent Resignation“-Studie angesehen. Dabei haben wir 11.000 Personen zu ihrer Jobwechselbereitschaft befragt. Ergebnis: 40 Prozent geben an, bereits aktiv nach einem Job zu suchen und 43 Prozent sind prinzipiell offen für neue Jobangebote, falls sich die Gelegenheit ergibt. Dieses Ergebnis ist nur ein Vorgeschmack auf das, was den Arbeitsmarkt langfristig prägen wird. Menschen werden immer flexibler und orientieren sich schneller um.

Eine besonders hohe Wechselbereitschaft sehen wir beispielsweise im Handel, in der Hotellerie und Gastronomie sowie in der Logistik. Hier gibt es mehr Menschen, die bereits aktiv nach einem neuen Job suchen als Menschen, die passiv auf ein neues Jobangebot warten. Auch in Gesundheitsberufen beobachten wir diesen Trend. Das sind alles Jobs, in denen derzeit händeringend Personal gesucht wird.

Individuelle Mitarbeiter:innenbedürfnisse werden relevanter

SAATKORN: Welche Handlungsempfehlungen könnt Ihr HR-Teams mit auf den Weg geben, um diese Wechselwelle im eigenen Unternehmen möglichst abzufedern?

Das A und O ist, dass die Bedürfnisse der Mitarbeitenden Gehör finden. Denn wenn die Menschen sich wohl fühlen, werden sie wahrscheinlich auch eher ihrem Arbeitgeber treu bleiben. Wenn ich jetzt einen konkreten Tipp geben sollte, wäre das: In Weiterbildung investieren. Mitarbeitende wollen und müssen gefördert werden. Und wenn das eigene Unternehmen in seine eigenen Arbeitnehmenden investiert, zahlt sich das nicht nur durch die gesteigerte Qualität der eigenen Mannschaft, sondern langfristig auch in der Wahrnehmung als attraktiver Arbeitgeber aus. Ich lehne mich aus dem Fenster und sage: Konsequentes und effizientes Corporate Learning wird zum Trend-Attraktivitätsfaktor der nahen Zukunft.

SAATKORN: Tobias, vielen Dank für diese Insights!

Wenn Du Dr. Tobias Zimmermann live erleben möchtest, kannst Du das auf dem #RC22 Festival tun:

DAS Festival rund um Employer Branding, Recruiting, Retention, HR Tech & Startups sowie New Work u.a. mit Cawa Younosi, Frauke von Polier, Prof. Dr. Yasmin Weiß oder US-Bestsellerautor John Strelecky – moderiert von SAATKORN. Early Bird Tickets gibt es bis Ostern noch hier.

Gero Hesse

Ich bin Gero Hesse, Macher, Berater und Blogger in den Themenfeldern Employer Branding, Personalmarketing, Recruiting, Social Media und New Work. Mehr Infos über Gero Hesse.

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