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Gero Hesse
Gero Hesse Founder SAATKORN & CEO EMBRACE

Studie: Büros im Jahr 2026 mit ANITA GÖDIKER

Anita Gödiker SAATKORN

Satellite Office Gründerin und CEO Anita Gödiker spricht im SAATKORN-Interview über eine aktuelle Studie und darüber, warum das Büro auch im Zeitalter hybrider Arbeit nichts von seiner Bedeutung verloren hat – allerdings unter einer entscheidenden Voraussetzung. Im Mittelpunkt stehen Produktivität, Konzentration und die Frage, weshalb Ruhe heute zu den wichtigsten Erfolgsfaktoren moderner Wissensarbeit gehört. Ein spannendes Gespräch über Großraumbüros, KI, hybride Arbeit und die Zukunft des Arbeitsplatzes. Auf geht’s:

SAATKORN: Liebe Frau Gödiker, bitte stellen Sie sich und Satellite Office den SAATKORN Leser:innen kurz vor.

Ich bin Anita Gödiker, Gründerin und CEO von Satellite Office. Seit Mitte der Neunziger, als in Berlin überall neu gebaut wurde, suchten viele Unternehmen eine Art Büro auf Zeit mit fertiger Infrastruktur. Seitdem, also seit fast 30 Jahren, fasziniert mich eine einfache Frage: Welche Umgebung brauchen Menschen, um wirklich gute Wissensarbeit leisten zu können?

Heute betreiben wir 17 Premium Business Center in Deutschland, der Schweiz und Italien. Unser Fokus liegt nicht auf möglichst vielen Arbeitsplätzen, sondern auf Arbeitsqualität, mit Ruhe, Privatsphäre und einer Architektur, die Konzentration fördert. Das Herzstück ist unser vielfach ausgezeichnetes pureSilent®-Raumkonzept, zuletzt prämiert mit dem ICONIC Award und dem German Design Award für unsere Villa Sander in Frankfurt.

Das Büro braucht einen neuen Qualitätsanspruch

SAATKORN: Ihre Studie zeigt, dass das Büro für die meisten Beschäftigten weiterhin der wichtigste Arbeitsort bleibt. Hat die Debatte bislang die falsche Frage gestellt? Müssten Unternehmen viel stärker darüber sprechen, welche Qualität Büroarbeit bieten muss, statt nur über Anwesenheit zu diskutieren?

Ja, ganz klar. Jahrelang ging es nur um die eine Frage: Hat das Büro überhaupt noch eine Zukunft? Das war eine reine Anwesenheitsdebatte. Unsere Studie zeigt aber etwas anderes. Das Büro bleibt für die meisten der wichtigste Arbeitsort. 37 Prozent arbeiten ausschließlich vor Ort, weitere 53 Prozent hybrid. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht mehr, ob Menschen ins Büro kommen, sondern wofür. Wer dort dieselben Ablenkungen erlebt wie überall sonst, gewinnt nichts. Und genau da liegt das eigentliche Problem. Das Büro hat kein Anwesenheitsproblem, es hat ein Konzentrationsproblem. Knapp jeder Dritte fühlt sich häufig oder sehr häufig gestört, 38 Prozent finden regelmäßig keine passende Umgebung für fokussiertes Arbeiten. Solange wir nur über Präsenztage streiten, kurieren wir am Symptom. Die eigentliche Führungsfrage lautet: Welche Qualität muss Büroarbeit bieten, damit sich der Weg ins Büro überhaupt lohnt?

SAATKORN: Viele Unternehmen wollen Büroflächen reduzieren, gleichzeitig arbeiten Millionen hybrid. Warum sollte ein Unternehmen 2026 noch Geld für seine Arbeitswelten ausgeben, wenn die Mitarbeitenden ohnehin nicht mehr jeden Tag vor Ort sind?

Gerade weil sie nicht mehr jeden Tag kommen. Sobald Anwesenheit zur bewussten Entscheidung wird, muss jeder Bürotag etwas bieten, das zu Hause am Küchentisch nicht gelingt. Konzentriertes Arbeiten. Vertrauliche Gespräche. Echte Begegnung. Das ist keine Kostenfrage, das ist eine Produktivitätsfrage. Wenn 38 Prozent regelmäßig keine passende Umgebung für fokussierte Aufgaben finden und knapp 30 Prozent nicht einmal eine Stunde am Stück ungestört arbeiten können, dann verbrennen Unternehmen dort jeden Tag Denkleistung. Für mich ist die Rechnung deshalb keine Frage der Quadratmeter, sondern der Qualität. Ein Büro, das Ruhe, Repräsentation und Vertraulichkeit bietet, ist kein Kostenfaktor. Es ist ein Wettbewerbsvorteil, bei der Produktivität genauso wie beim Gewinnen und Halten guter Leute. Und die gute Nachricht ist: Diese Qualität muss man nicht mehr dauerhaft und in vollem Umfang selbst vorhalten. Man kann sie flexibel dazubuchen, genau dann, wenn sie gebraucht wird.

Großraumbüro versus konzentriertes Arbeiten

SAATKORN: 75 Prozent der Befragten sehen Großraumbüros als Produktivitätsbremse, gleichzeitig wünschen sich 84 Prozent mehr Ruhe. Warum hält sich dieses Modell so hartnäckig, und was läuft dabei häufig schief?

Das Großraumbüro hält sich aus zwei Gründen. Auf dem Papier ist es günstig, weil viele Arbeitsplätze auf wenig Fläche passen. Und es hat sich das Etikett angeheftet, es fördere die Zusammenarbeit. Beides greift zu kurz. Der Denkfehler steckt darin, Offenheit mit Kommunikation zu verwechseln. Offene Flächen fördern den spontanen Austausch, das stimmt. Aber anspruchsvolle Aufgaben brauchen Phasen ohne ständige Unterbrechung, und die fehlen dort völlig. Unsere Zahlen sind eindeutig. Drei von vier Beschäftigten sehen im Großraumbüro ein Hindernis, und mit wachsender Berufserfahrung wird die Ablehnung sogar größer. Bei den 25- bis 34-Jährigen stimmen 35 Prozent voll zu, bei den 45- bis 54-Jährigen sind es schon 58 Prozent. Das eigentliche Problem ist die Entweder-oder-Logik. Gute Arbeitswelten müssen sich nicht zwischen Offenheit und Rückzug entscheiden. Sie bieten beides an, Zonen für den Austausch und Räume für ungestörtes Arbeiten. Wer nur auf die maximal offene Fläche setzt, spart an der falschen Stelle.

SAATKORN: Besonders spannend finde ich, dass fast jede dritte Person keine Stunde am Stück ungestört arbeiten kann. Welche Auswirkungen hat diese permanente Unterbrechungskultur auf Produktivität, Kreativität und die Zufriedenheit der Mitarbeitenden?

Die Auswirkungen sind groß, und sie werden systematisch unterschätzt. Eine Unterbrechung kostet nicht nur die zwei Minuten für das Telefonat oder die kurze Zwischenfrage. Viel teurer ist die Zeit, bis man danach wieder in die Tiefe findet. Gute Wissensarbeit, ein Vertrag, eine Analyse, ein kreatives Konzept, entsteht in ununterbrochenen Denkphasen und nicht in Fünf-Minuten-Fenstern zwischen zwei Störungen. Wenn mehr als jeder Vierte nicht einmal diese eine Stunde am Stück schafft, dann arbeitet ein großer Teil der Belegschaft dauerhaft an der Oberfläche. Die Kreativität leidet zuerst, weil sie Muße braucht. Und langfristig leidet die Zufriedenheit. Menschen wollen etwas schaffen, auf das sie stolz sein können. Wer den ganzen Tag nur reagiert, statt zu gestalten, geht abends leer und unzufrieden nach Hause. Ruhe ist deshalb keine Nebensache. Sie ist eine der wichtigsten Ressourcen moderner Wissensarbeit. Wer dauerhaft im Dauerrauschen arbeitet, verliert Qualität.

SAATKORN: In Ihrer Studie berichten Frauen deutlich häufiger von Unterbrechungen als Männer. Woran liegt das? Ist es vor allem ein Thema der Unternehmenskultur, oder spielen auch räumliche Faktoren eine Rolle?

Es ist beides, und das eine verstärkt das andere. Unsere Zahlen sind eindeutig. 36 Prozent der Frauen werden häufig oder sehr häufig unterbrochen, bei den Männern sind es 27 Prozent. Das deckt sich mit internationalen Untersuchungen. Lean In und McKinsey zeigen seit Jahren, dass Frauen im Berufsalltag häufiger unterbrochen oder übergangen werden. Das ist zunächst ein kulturelles Muster, das tief sitzt. Die Förderung von Frauen begleitet mich seit vielen Jahren, unter anderem als Mitgründerin des Female Founders Award, und gerade deshalb finde ich diesen Befund so bezeichnend. Aber der Raum spielt sehr wohl mit hinein. In einer offenen Fläche ohne Rückzugsorte ist jeder ständig ansprechbar, und wen es ohnehin häufiger trifft, den trifft es dort mit voller Wucht. Ehrlich gesagt kann ein Raum ein kulturelles Problem nicht heilen. Aber er kann es abfedern. Gute Rückzugsorte demokratisieren Konzentration, weil sie allen die Möglichkeit geben, sich der ständigen Verfügbarkeit zu entziehen. Wer gute Arbeit ermöglichen will, muss Umgebungen schaffen, in denen Menschen ungestört denken, entscheiden und arbeiten können. Davon profitieren Unternehmen und Beschäftigte gleichermaßen.

Konzentration, Diversität und Unternehmenskultur

SAATKORN: Viele Unternehmen investieren erhebliche Summen in KI und digitale Produktivitätstools. Gleichzeitig zeigt Ihre Studie, dass häufig ganz analoge Faktoren wie Lärm oder fehlende Rückzugsorte die größten Produktivitätskiller sind. Vernachlässigen Unternehmen manchmal die Grundlagen guter Wissensarbeit?

Zugespitzt gesagt: ja. Und das ist einer der spannendsten Befunde der Studie. Die größten Störfaktoren sind nicht digital, sondern analog. Telefonate und Videocalls mit 34 Prozent, Gespräche anderer Personen mit 33 Prozent, spontane Unterbrechungen mit 28 Prozent, hoher Geräuschpegel mit 23 Prozent. Benachrichtigungen und Chats kommen erst mit deutlichem Abstand. Das spricht überhaupt nicht gegen KI, die verändert unsere Arbeit fundamental. Aber es zeigt eine Schieflage. Wir optimieren mit großem Aufwand die digitale Ebene und lassen die physische einfach liegen. Kein noch so gutes Tool gleicht einen Raum aus, in dem man sich nicht konzentrieren kann. Das intelligenteste KI-System nützt wenig, wenn die Person davor alle zehn Minuten aus dem Gedanken gerissen wird. Die Grundlagen guter Wissensarbeit sind unspektakulär. Ruhe, Fokus, ein Ort, an dem man denken kann. Genau diese Grundlagen gehören wieder nach oben auf die Prioritätenliste.

pureSilent®: Ein anderer Blick auf Wissensarbeit

SAATKORN: Satellite Office verfolgt mit dem pureSilent®-Konzept einen anderen Ansatz als klassische Coworking-Anbieter. Was verbirgt sich konkret dahinter, und welche Erfahrungen machen Ihre Kund:innen damit im Alltag?

pureSilent® ist unsere Antwort auf genau diese Studienergebnisse, ein Raumkonzept, das kompromisslos auf Konzentration ausgerichtet ist. Es verbindet akustische Ruhe mit hochwertiger Innenarchitektur auf Hotel-Niveau, die alle Sinne anspricht und für mentale Ruhe sorgt. Stille ist bei uns nicht nur eine Frage der Physik, sondern auch der Gestaltung. Und es heißt, dass wir bewusst beides vorhalten, Rückzugsorte für fokussiertes Arbeiten und Räume für Austausch und vertrauliche Gespräche. Im Alltag erleben unsere Kundinnen und Kunden, viele davon Kanzleien, Finanzdienstleister und Beratungen, vor allem eines. Sie kommen wieder in die Tiefe. Sie schaffen an einem ruhigen Ort in wenigen Stunden das, wofür sie im lauten Umfeld deutlich länger brauchen. Das ist der Unterschied zwischen einem Schreibtisch und einer echten Arbeitsumgebung. Ruhe ist bei uns kein Zufall, sondern Handwerk.

SAATKORN: Blicken wir fünf Jahre nach vorne. Wie wird der ideale Arbeitsplatz für Wissensarbeit im Jahr 2031 aussehen? Welche Entwicklungen erwarten Sie, und welche Fehler sollten Unternehmen schon heute vermeiden?

2031 ist das Büro kein Ort mehr, an den man geht, weil man muss, sondern weil es sich lohnt. Ich rechne mit einer klaren Premiumisierung. Weniger Fläche, dafür deutlich mehr Qualität, kuratiert wie ein guter Ort und nicht verwaltet wie ein Lager voller Schreibtische. Ruhe wird vom Luxus zum Standard. So wie heute WLAN selbstverständlich ist, wird es dann eine akustisch und gestalterisch durchdachte Umgebung sein. Und wir werden konsequent in Zonen denken, Räume für Fokus, Räume für Begegnung, Räume für Vertraulichkeit. Drei Fehler sollten Unternehmen schon heute vermeiden. Erstens, blind Fläche zu streichen, ohne den Rest aufzuwerten. Das spart kurzfristig und kostet langfristig Produktivität. Zweitens, Offenheit weiter als Allheilmittel zu behandeln, obwohl drei Viertel der Beschäftigten darin ein Hindernis sehen. Und drittens, Menschen zurück ins Büro zu beordern, ohne ihnen einen Grund zu geben. Das Gegenteil von Homeoffice ist nicht die Präsenzpflicht. Es ist ein Ort, der so gut ist, dass man freiwillig kommt.

SAATKORN: Frau Gödiker, herzlichen Dank für das Interview – und weiterhin viel Spaß und Erfolg mit Satellite Office!

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